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Kleinsäuger 11.04.2019

Jede Menge Heu. Eine Meerschweinchen-Novelle.

Teil 1: Besuch im Anmarsch

von Oliver Uschmann & Sylvia Witt

Woran merkt der Mensch, dass er wirklich erwachsen geworden ist? An seiner Reaktion auf angekündigten Besuch. Als Kind denkt man: „Juchu! Spaß, Trubel und mit ein wenig Glück sogar Geschenke!“ Als Jugendlicher: „Start bei mir, dann stundenlang um die Häuser ziehen und um 3 Uhr morgens noch so lange quatschend vor der Tür stehen, bis die Nachbarn erbost die Gardine zur Seite ziehen.“ Mit Anfang zwanzig heißt es schließlich: „Stört euch nicht an den Klamotten auf dem Boden und dem Pizzakarton auf dem Tisch!“ Derlei Chaos gehört in dieser Lebensphase sogar zum guten Ton. Wie reagiert aber nun ein echter Erwachsener auf die Aussicht, dass bald jemand zu Besuch kommt? „Um Himmels Willen! Wir müssen putzen! Wir müssen saugen! Wir müssen spülen!“ Man eilt in den Keller, um nachzusehen, ob noch Wäsche auf der Leine hängt. Man fragt sich: Sind die Toiletten geschrubbt? Ist die Kondensmilch abgelaufen?  Haben die Katzen irgendwo Kratzspuren hinterlassen, die uns als viel zu antiautoritäre Halter entlarven? Ein Haus, das als Filmkulisse hergerichtet werden muss, kann nicht stärker von Aktionismus erfüllt werden als das Haus zweier Erwachsener, bei denen sich Besuch angekündigt hat.

Nun gut, womöglich sind wir beide aber auch einfach nicht normal. Das kann auch sein. Der Besuch, den wir morgen entgegenzunehmen haben, ist es jedenfalls nicht. Wann kommt es schließlich schon mal vor, dass man einem kleinen Paar Obdach bietet, das ohne diese Hilfe wohnungslos über die Bürgersteige flitzen müsste? Einem Paar, von dem man zudem weiß, dass es an seiner Lage vollkommen unschuldig ist? Einem Paar zu guter Letzt, das sehr spezielle Ansprüche ans Leben hat und von dem schon jetzt sicher ist, dass es mindestens ein Jahr oder länger bleiben wird?
Da gilt es, alles richtig zu machen.
Da gilt es, Energien umzulenken, die eigentlich längst für andere Projekte verplant waren.
    
„Ich verstehe das nicht!“
Oliver steht ratlos zwischen den vier Wänden des quadratischen Freigeheges und sieht mich mit einer Mischung aus Verzweiflung und Vorwurf an. Als wenn ich etwas dafür könnte, dass wir aus heiterem Himmel eine Behausung für Meerschweinschen bauen müssen. Immerhin hat er sich passend gekleidet für die Bastelei. Das gehört zu dem Achtsamkeitskeits-Training, welches er seit zwei Monaten besucht, um nicht in den Burnout zu rutschen. Sein Therapeut für Balance und Entschleunigung heißt Doktor Lukas. Ein echter Westfale, in der Lebenspraxis allerdings Buddhist. Auf seinem Schreibtisch steht eine kleine Sandgrube, deren feine Körner er mit einer winzigen Harke in Form bringt. Doktor Lukas hat gesagt, das erste, was Oliver wieder lernen müsse, sei, in jede neue Situation angemessen vorbereitet hineinzugehen. Da hat er Recht, denn bislang stürzt sich Oliver eher ungeplant in Situationen hinein wie ein Lausbub aus einem alten Schelmenfilm in einen Heuschober. Nun aber, vor der Montage des Freigeheges, hat er das Werkzeug auf ein Filztuch neben die Anleitung gelegt und sich seine Arbeitshose mit den Seitentaschen angezogen. Schraubenzieher, ein Zollstock und eine spitze Zange lugen aus den Taschen heraus. Es sieht gut aus. Männlich. Trotzdem weiß er gerade nicht weiter. Im Fernseher schlägt ein kanadischer Bär nach Lachsen in Stromschnellen. Der Sprecher brummt so basslastig, als hätte er sich seine Stimmfarbe direkt von dem Bären geborgt.

Während Oliver sich mit dem flachen Freigehege abmüht, baue ich gerade das doppelstöckige Standgehege zusammen, auf dessen zwei komfortablen Etagen unsere Gäste demnächst schlafen sollen. Es handelt sich dabei um das Modell Lounge aus Fichtenholz, mit aufklappbarem Gitterdach und zwei Frontklappen. Auf der Internetseite des Händlers schlagen sich die Kunden bezüglich dieses Häuschens die Köpfe ein. Die einen lieben es, die anderen hassen es. Es gibt nichts dazwischen. Das ist mittlerweile in allen Bereichen so geworden, ob man nun Filmbesprechungen liest oder die Kommentarspalten zur Politik. Nicht einmal in den Foren für Kuchenrezepte können die Leute noch sanftmütig miteinander umgehen.
„Was soll ich bloß tun? Nie klappt irgendwas!“
Oliver jammert. Er beginnt zu verallgemeinern. Von beidem rät Doktor Lukas ab.
„Das wird so ineinander eingehängt“, sage ich. „Die Furchen in dem Holz sind gegeneinander symmetrisch. Erst einhängen, dann schrauben.“
Oliver schaut mich ratlos an. Ich verüble ihm seine Hilflosigkeit im räumlichen Denken nicht. Jeder Mensch hat andere Talente. Fragen Sie ihn, welche Zahl auf der Rückseite eines frisch geworfenen Würfels liegt und er wird verzweifeln. Tragen Sie ihm auf, bis in einer Woche alles Nötige zum Leben und Schaffen von Andreas Gryphius recherchiert zu haben und er wird ein kleines Büchlein verfassen, nach dessen Erscheinen die Germanisten an den Universitäten ihre Forschungsmodelle zum Barock umschreiben müssen. Nur so als Beispiel. Das ginge auch mit Star Trek oder dem angeblichen Symbolismus der Motive in den frühen Folgen der Videospielserie Super Mario. Oliver ist der Einzige, der als Kind Albträume von den kleinen Sonnen bekam, die Mario dort am Himmel penetrant verfolgen. Oliver schreibt über alles, was ihm jemals Angst gemacht, honorarfreie Essays für seltsame Magazine und ringt es somit nachträglich intellektuell zu Boden. Nur einen Meerschweinchenkäfig, den kriegt er nicht komplett alleine zusammengebaut.
Ich gehe zu ihm rüber und stecke die zwei Flanken ineinander. Erstaunt schaut er zu, wie das Holz sich ineinander fügt. Dann verbeugt er sich.     

Drei Tipps

1) Besorgen Sie als Behausung mindestens ein Freigehege, das sich auf den Boden stellen lässt und ein zweistöckiges Häuschen, in dem die Tiere geschützt übernachten können. Sollten Sie ein ganzes Zimmer oder eine Gartenhütte frei haben, sind dem Umfang der Behausung keine Grenzen gesetzt. In einer Hütte ließen sich von Wand zu Wand zwei Etagen übereinander einziehen. In einem größeren Raum im Raum kann man die Wohnfläche auf Hüfthöhe des Menschen errichten, was später bei der Reinigung den Rücken schont. Lassen Sie sich hierzu von Blogs und Vlogs im Netz inspirieren, in denen passionierte Halter stolz und hilfreich ihre Konstruktionen präsentieren.

2) Nehmen Sie sich die Zeit, alle nötigen Teile sowie Werkzeuge vor Bastelbeginn einzeln und übersichtlich in eine Ecke des Raumes zu legen wie ein Pfleger das chirurgische Besteck des Arztes vor einer Operation. Nehmen Sie darüber hinaus die Bauanleitung ernst und betrachten Sie die Bilder als verbindlich statt nur als vage Vorschläge. Speziell Männer tendieren dazu, beides nicht zu tun und dann fluchend im Durcheinander der Dinge und Arbeitsschritte zu versinken.  

3) Lassen Sie die Behausungen für die Tiere immer von demjenigen in ihrer Familie  zusammenbauen, dem solche Konstruktionsarbeiten leicht fallen. Wir sind auf diesem Planeten, um unsere Stärken zu leben und nicht, um unsere Schwächen unter größten Mühen auf unteres Normalniveau zu hieven.


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