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Katzen 04.04.2018

© Bildagentur PantherMedia / Shebeko

Rein! Fein! Nein! Die Feinheiten der Katzenansprache

Die Kommunikationswissenschaft lehrt uns, dass die Wirkung einer Aussage bereits beim Menschen bis zu 93 Prozent von Gestik, Mimik und Tonfall abhängt. Wer von der Katze etwas will, sollte das besonders beachten.

von Oliver Uschmann & Sylvia Witt

55-38-7. Für Freunde der praktischen Psychologie sind diese Zahlen kein seltsamer Code, sondern das legendäre Ergebnis einer Studie, die der iranisch-amerikanische Psychologe Albert Mehrabian 1967 durchgeführt hat. Demnach entstehen 55 Prozent der Wirkung eines Vortrags durch die Körpersprache, 38 Prozent durch die Stimmlage und lediglich mickrige 7 Prozent durch die inhaltliche Aussage. Ausgewachsenen Katzen spricht man in der Regel die Intelligenz eines vierjährigen Kindes zu. Die 55-38-7-Regel ist im Umgang mit ihnen also unbedingt zu beachten.

Nun ist es leider so, dass Katzenhalter das oft vergessen. So etwa in folgender Situation: Eine Katze spielt in Rufweite im Garten und soll wieder ins Haus. Nach dem Reinkommen auf Zuruf hätte der Mensch es gerne, dass sie als Übersprunghandlung nicht wieder am Sofa kratzt, sondern sich lieber unter lautem Lob ihres Herrchens oder Frauchens direkt zum Fressnapf begibt. Die Reihenfolge der in dieser Situation anzuwendenden Worte hieße also „rein!“, „nein!“ und „fein!“
Was passiert?  
Wie geht der Mensch vor?
Viele wohlmeinende Katzenhalter sprechen die zwei Befehle und das eine Lob klanglich absolut ähnlich aus. Über die begleitende Körpersprache dazu machen sie sich überhaupt keine Gedanken. Das führt selbstverständlich dazu, dass die Katze vollkommen verwirrt ist. Schon ein Mensch könnte die drei nahezu gleichklingenden Worte auf flüchtigen Zuruf kaum auseinanderhalten. Werden sie nicht entsprechend inszeniert, sind Missmut und scheinbarer Ungehorsam vorprogrammiert. Dabei wissen die Vierbeiner lediglich nicht, was der große Mensch von ihnen will.


Ein „Rein!“ sollte grundsätzlich laut und entschlossen intoniert werden, begleitet von einem Klatschen und einer deutlichen Geste in Richtung der geöffneten Terrassentür. Reagieren die Katzen nicht, obschon sie genau wissen, was gemeint ist, verschärfen Sie den Tonfall und machen sie aus dem „entschlossen“ ein angemessen kantiges „zornig“. Dabei bleiben sie körperlich ruhig und wiederholen die bekannten Gesten, an die sich Ihre Katze mit der Zeit gewöhnt. Fangen Sie nicht an, dem trotzigen Tier im Garten hinterherzujagen und somit seine Renitenz auch noch mit einer Runde Fangenspielen zu belohnen.

Ein „Nein!“ benötigt in seiner Klangfarbe viel mehr Strenge und Trockenheit als ein „Rein!“ Es muss trotz gleicher Wortlänge kürzer auf den Punkt gebracht werden und darf niemals in hohe Tonlagen abdriften, die Katzen grundsätzlich eher als Lob und Freude wahrnehmen. Am Besten imaginiere man sich beim Aussprechen eines „Nein!“ in die Rolle einer Fünfzigerjahre-Klosterschwester, die weiß, dass nur eiserne Strenge der wahrhaft wirksame Ausdruck der Liebe für ihre Schülerinnen ist. Die Hand darf dabei ruhig mit erhobenem Zeigefinger ruckartig die Luft zerschneiden, als wäre Sauerstoff in Wirklichkeit Gelatine. Die Katze nimmt die Geste zwar nicht inhaltlich war, erlernt jedoch mit der Zeit ihre Bedeutung, wenn Sie den wütenden Wisch nur stets immer gleich wiederholen. 

Das lobende „Fein!“ darf und soll nun aus den gräulichen Gefilden von Befehl und Gehorsam ins bunte Land des Lobgesangs ausbrechen. Hier ist es nicht nur erlaubt, sondern geboten, die Stimme in piepsige Höhen zu treiben und einen euphorischen, kindlichen Singsang anzustimmen. Gerne dürfen Sie dem Wort dabei auch ein „i“ anhängen und es zum „Feini!“ machen. Die Hände gehören begleitend dazu nicht länger in die Luft, sondern tief ins Fell der Katze, um sie parallel zum Lobgesang an ihren liebsten Stellen zu kraulen.
 
Wer das semantische Trio aus „Rein!“, „Nein!“ und „Fein!“ auf diese Weise verwendet, wird mit den Wochen feststellen, dass Katzen nicht nur wie Hunde zu gehorchen in der Lage sind, sondern auf für Unwissende unbegreifliche Weise plötzlich drei sehr ähnliche Worte auseinanderhalten können. 


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